Alles rund um den Bauch

Reizdarm was hilft wirklich

Reizdarm (RDS) ist eine Erkrankung mit vielen Gesichtern. Es ist das Gefühl seiner Verdauung hilflos ausgeliefert zu sein. Nicht zu wissen, wie der Tag laufen wird mit Bauchschmerzen, Durchfällen, Blähungen. Ein Teil der Betroffenen leidet unter Völlegefühl mit Verstopfung. Haben Sorge eine schwere Erkrankung zu haben. Wir erzählen Ihnen von unseren Erfahrungen mit der Betreuung von Reizdarmbetroffenen. Die Ernährungstherapie bietet vielversprechende Behandlungsansätze.

„Mein Arzt sagt ich habe einen Reizdarm“

Das sagt Frau G. bei der Anamnese. Sie hat seit mehreren Monaten Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfälle. Gewicht hat sie auch verloren. Die bisherigen Untersuchungen der Verdauungsorgane attestierten Frau G. beste Gesundheit. Sie hingegen hat Angst, dass sie schwer krank ist. Das RDS gehört zu den funktionellen Störungen. Es kann die Lebensqualität massiv einschränken. Lebensbedrohlich ist es jedoch nicht.

Wie wird RDS diagnostiziert?

Das Reizdarmsyndrom ist eine Ausschlussdiagnose. Das heißt: erst wenn sicher ist, dass keine andere Erkrankung die Verdauungsbeschwerden verursacht, wird RDS festgestellt. Welche Erkrankungen können das sein? Zum Beispiel Zöliakie, Divertikulitis, Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse oder chronisch entzündliche Darmerkrankungen. Zusätzlich gibt es medizinische Kriterien um Reizdarm fest zu stellen:

  • Wiederkehrende Bauchschmerzen durchschnittlich einmal pro Woche in Zusammenhang mit mindestens einem der folgenden Faktoren:
    • mit der Stuhlentleerung
    • mit einer Veränderung der Stuhlgewohnheiten
    • mit einer Veränderung der Stuhlkonsistenz
  • Beginn der Beschwerden vor mehr als sechs Monaten
  • Die Diagnosekriterien müssen über 3 Monate erfüllt sein

Ist Diät halten sinnvoll?

Praktisch jede Klientin, die wegen Reizdarm zu uns kommt, hat bereits verschiedene Nahrungsmittel weggelassen. So auch Frau G. Sie hat eine stattliche Liste an gemiedenen Speisen vorzuweisen: Milch und Milchprodukte, Hülsenfrüchte, rohes Gemüse, scharfes Essen, Kaffee, fette Gerichte, Essen aus der Kantine. Aber eine Besserung stellte sich bisher nur kurzfristig ein. Frau G. ist verunsichert. Sie hat das Gefühl kaum etwas beschwerdefrei zu vertragen. Ob sie noch mehr weglassen soll? Das kann zum Problem werden: je stärker man die Ernährung einschränkt, desto sensibler wird der Darm. Obendrein steigt das Risiko einer Mangelversorgung.

Was braucht es als nächsten Schritt?

Noch wissen wir nicht, ob bei Frau G. eine Nahrungsmittelintoleranz besteht. Hierbei sind Laktose, Fruchtzucker und Sorbit häufige Gründe für Verdauungsbeschwerden. Das testet der Arzt mit einem Atemtest. Tatsächlich schlägt der Test auf Fruchtzucker und Sorbit an, beim Laktosetoleranztest aber reagiert Frau G. nicht.
Wir beginnen Milchprodukte wieder in den Speiseplan aufzunehmen. Das machen wir sorgsam und in bauchfreundliche Gerichte verpackt, damit sich die Verdauung gewöhnen kann. Frau G. hat von der fodmaparmen Diät gelesen und möchte sie versuchen.

Was ist die fodmaparme Diät?

Das FODMAP-Konzept besteht aus einer speziellen Auslassdiät und einer angepassten darmfreundlichen Ernährung im Anschluss. Die Idee dahinter ist, dass sogenannte fermentierbare Kohlenhydrate im Darm die Reizdarm typischen Beschwerden auslösen. Eine Reduktion dieser Fodmaps soll Linderung bringen. Fodmap steht für Fermentable Oligosaccharide, Disaccharide, Monosaccharide And Polyols (Deutsch: fermentierbare Mehrfach-, Zweifach-, Einfachzucker und Zuckeralkohole). Im Internet schwirren die unterschiedlichsten Listen und Empfehlungen zu Fodmaps herum. Nicht alle sind empfehlenswert. Wer sich entschließt, dieses Konzept zu versuchen, sollte folgende Dinge darüber wissen:

  1. Es ist ein strukturiertes Programm, bei dem man Lebensmittel weglässt und anschließend systematisch wieder in den Speiseplan einführt.
  2. Rund 2/3 der Reizdarmbetroffenen erfahren eine Besserung ihrer Symptome.
  3. Das Fodmap-Konzept ist nicht weltweit gleich. Die australische Monash University ist nur ein Forschungsteam zu RDS mit wissenschaftlicher Evidenz. Daneben gibt es Arbeitsgruppen aus UK, die zur fodmaparmen Ernährung einen anderen und vielversprechenden Weg erforschen. Wir Esspertinnen kennen beide Behandlungsansätze und arbeiten individuell nach diesen Behandlungsprinzipien.
  4. Unter fachgerechter Betreuung weiß man danach welche Nahrungsmittel den Reizdarm beeinflussen. Oder dass die Nahrung kein Trigger ist. Das gibt es nämlich auch.

Das führt uns schon zu den kritischen Seiten des Fodmap-Konzepts:

  1. Das Internet liefert eine Vielzahl unterschiedlicher Fodmap-Diäten, die zum Teil widersprüchlich sind.
  2. Auslassdiäten in Eigenregie durchgeführt bergen das Risiko einer Mangelversorgung.
  3. Das Weglassen vermeintlicher Trigger kann die Darmmikrobiota nachteilig verändern.
  4. Viele Betroffene machen den Fehler, zu lange Diät zu halten und immer strenger fodmaps weg zu lassen. Im Endeffekt wird die Verdauung noch empfindlicher.
  5. Es ist eine komplizierte Diät, die den Alltag massiv verändert. Kochen worauf man Lust hat ist nur bedingt möglich. Jedes Rezept, jede Einladung zum Essen ist auf ihren Fodmap Gehalt zu prüfen.
  6. Auch wenn es die Medien anders suggerieren: als Pauschaldiät kann sie nicht empfohlen werden.

Weil bei Frau G. schon klar war, dass ihr Fruchtzuckerreiches und Sorbit nicht gut tun, aber die Laktose verträglich ist, passen wir die Fodmap-Karenzphase entsprechend an. Zwei Wochen später sind Durchfälle und Blähungen merklich weniger geworden.

Nicht fodmapfrei essen, sondern die verträglichen Fodmaps wählen

Die Aufbauphase ist entscheidend. Wir erarbeiten einen Plan. Systematisch führt Frau G. die vormals gemiedenen Fodmap Gruppen wieder ein. Für die nicht verträglichen finden wir eine passende Alternative. Bei Frau G. sind das neben Obstsorten mit hohem Fruchtzuckergehalt und Sorbit die Lauchgewächse. Die Erfahrung hat uns gezeigt, dass bei Reizdarm die volle Palette der Diätetik nötig ist. Frau G.´s empfindsamer Darm braucht eine ordentliche Portion Optimierung der Essgewohnheiten:

  • Regelmäßige Mahlzeiten
  • Körpersignale wie (Heiß)hunger lernen wahr zu nehmen
  • Eine verdauungsfreundliche Zubereitung. Das erreicht man mit der geeigneten Zusammenstellung und Küchentechnik.
  • Unterstützung fürs Mikrobiom mit präbiotischer und probiotischer Ernährung
  • Langsames Essen und gründliches Kauen, damit Verdauungsenzyme optimal wirken können.
  • Unterstützung aus dem Pflanzenreich kann je nach Symptomen sinnvoll sein.
  • Verantwortungsvoller Umgang mit Kaffee und Alkohol
  • Verzicht auf Rauchen
  • Durchfallsymptome brauchen eine andere Ernährungstherapie als Verstopfung oder Blähungen.

Ein Reizdarm therapiert sich nicht mit Ernährung allein

Wir können jeder Betroffenen nur raten über den Tellerrand hinaus zu blicken und sich nicht allzu sehr auf das Essen zu konzentrieren. Die Einflussfaktoren auf einen Reizdarm sind vielfältig. Deshalb kann eine RDS angepasste Ernährung nur ein Baustein sein. Darm und Gehirn stehen in enger Verbindung. Die persönliche Selbstfürsorge und Stressmanagement sind ein Knackpunkt. Sie können mit der bauchgerichteten Hypnose gestärkt werden. Das ist eine eigens für RDS entwickelte Methode zur Aktivierung von Selbstheilungskräften. Sie hilft zur Ruhe zu kommen und die Darmfunktionen zu harmonisieren. Erlernt wird diese Methode bei eigens geschulten Therapeuten.

Auch zur Bewegung wollen wir ein paar Worte verlieren. Pilates, Qui Gong, Shiatsu und im besonderen Yoga hat sich bei RDS bewährt.

Menschen die unter Reizdarmsymptomen leiden haben oft eine regelrechte Arzt Odyssee hinter sich. Sie fühlen sich unverstanden und ins „psychische Eck“ geschoben. Dennoch ist ärztlicher Rat wichtig. Untersuchungen, Medikamente, Dauer der Einnahme: die Entscheidung darüber gehört in fachärztliche Hand.

Was wurde aus Frau G.?

Hinter ihr liegen intensive Monate. Sie hat ihren Reizdarm im Griff. Natürlich mal mehr mal weniger, aber sie kommt gut zurecht. Wenn auch Sie Ihre Bauchbeschwerden professionell betreut haben wollen, melden Sie sich bei uns unter ta.netrepsseeid@ollah für eine individuelle Betreuung.

Für eine leichtere Lesbarkeit des Blogs verzichten wir auf Nennung beider Geschlechter. Der Name der Klientin wurde aus datenschutzrechtlichen Gründen geändert. Literaturquellen erhältst Du auf Anfrage bei ta.ednutshcerpshcuab@akire.